Die vergessenen Kunstfasern der 1970er

Meine Großmutter nähte in den 1970ern fast alles selbst. In ihrer Nähkiste lagen Stoffe, die heute kaum noch einer kennt: Diolen, Trevira, Crimplene. Ich habe als Kind auf einem Sofa aus Cord gesessen, das eigentlich gar kein Baumwollcord war, sondern ein Kunstfaser-Mix aus dem Jahr 1972. Diese Stoffe waren damals eine Revolution. Sie knitterten nicht, trockneten schnell, hielten die Form. Und dann verschwanden sie fast spurlos aus den Stoffläden. Als ich vor ein paar Jahren anfing, mich intensiver mit Textilgeschichte zu beschäftigen, stieß ich auf ein kleines Archiv, das genau diese Übergänge dokumentiert: www.textilmitteilungen.com.de – eine Seite, die Branchenmeldungen aus der Textilwelt sammelt. Ich habe dort Artikel über die Einführung von Polyester-Garnen in den 60ern gefunden und über die plötzliche Stille, als die Ölkrise die Produktion drosselte. Die Seite ist kein Museum, sondern ein lebendiges Nachrichtenportal, aber sie hat mir geholfen, die Kettenreaktionen zu verstehen, die eine Modeerscheinung auslöste.

Warum Crimplene so beliebt war

Anfang der 1970er kamen viele Frauen in Großbritannien und Westdeutschland in die Geschäfte und fragten nach „Crimplene“. Das war ein Polyestergarn, das ICI 1960 auf den Markt brachte. Es ließ sich leicht färben, fiel weich und brauchte kein Bügeln. Die Hersteller priesen es als Wunderfaser. Ich habe ein Kleid aus den 1974er Jahren auf dem Flohmarkt gefunden. Es fühlt sich an wie Seide, aber es ist komplett synthetisch. Die Nähte sind perfekt, keine verrutschten Fäden. Man kann es zusammenknüllen, eine Stunde liegen lassen, und es hängt wieder glatt. Das war für berufstätige Frauen ein Segen. Kein Wunder, dass die Produktion von Crimplene in den 70ern explodierte. Aber dann kam der Ölpreisschock. Polyester wird aus Erdöl gewonnen. Plötzlich wurde Rohöl teurer, und die Faserproduktion wurde gedrosselt. Viele Fabriken schlossen. Die Mode wechselte zu natürlichen Fasern, und Crimplene verschwand aus den Läden. Heute suche ich auf Flohmärkten nach diesen alten Stoffen und kann sie kaum finden.

Die Rolle der Textilindustrie in der Energiekrise

Die Ölkrise von 1973 traf die Textilbranche härter als die meisten anderen Industrien. Denn Kunstfasern hängen direkt an der Petrochemie. Nylon, Polyester, Acryl – alles stammt aus dem gleichen Rohstoff. Als die OPEC den Ölhahn zudrehte, stiegen die Preise für synthetische Garne rasant. Manche Unternehmen stellten auf Baumwolle um, aber die war auch teurer geworden. Ich habe in einem alten Branchenblatt gelesen, dass in Deutschland 1974 die Produktion von Textilfasern um fast 30 Prozent zurückging. Viele kleine Webereien gaben auf. Diejenigen, die überlebten, setzten auf Mischgewebe – Baumwolle mit einem kleinen Polyesteranteil. Das war der Beginn der „Pflegeleicht“-Ära. Aber die klaren, reinen Kunstfasern aus den 70ern kamen nie wieder zurück. Die Textilmitteilungen-Seite hat einen Artikel von 1975, der sehr genau die Schließung einer großen Crimplene-Fabrik in Nordrhein-Westfalen beschreibt. Das ist ein Stück Industriegeschichte, das in gängigen Modebüchern fehlt.

Wie man alte Kunstfasern heute erkennt

Wer auf Flohmärkten oder in Secondhand-Läden stöbert, kann oft nicht unterscheiden, ob ein Kleidungsstück aus den 70ern wirklich Crimplene oder Diolen ist. Die Etiketten sind meist ausgewaschen oder fehlen ganz. Ich habe gelernt, auf die Griffigkeit zu achten: Crimplene fühlt sich sehr glatt und kühl an, wie glattgestrichene Seide – aber ohne die matte Oberfläche. Diolen ist etwas griffiger und hat einen leichten Glanz, der an Nylon erinnert. Trevira, eine Marke von Hoechst, ist weicher und wärmer im Griff. Ein einfacher Test: Nimm ein Stück Stoff und halte es an eine heiße Glühbirne. Kunstfasern schmelzen, Baumwolle verkohlt. Aber das ist natürlich nicht zu empfehlen, wenn man das Kleid noch tragen will. Besser: eine kleine versteckte Naht anzünden – der Geruch verrät die Faser. Polyester riecht süßlich, fast nach Karamell. Nylon riecht schärfer. Ich habe solche Test an einem schwarzen Rock aus den 1970ern gemacht, den ich für zehn Euro gekauft habe. Es war Diolen. Ich trage ihn heute noch.

Warum Sammler diese Fasern wiederentdecken

In den letzten Jahren ist ein neues Interesse an diesen alten Kunstfasern entstanden. Nicht nur aus Nostalgie, sondern auch wegen der Nachhaltigkeit. Jedes Kleidungsstück, das nicht neu produziert wird, spart Ressourcen. Und die Qualität dieser 70er-Jahre-Stoffe ist oft besser als heutige Polyesterware. Crimplene-Kleider halten Jahrzehnte, ohne auszuleiern. Ich habe ein Kleid, das meine Mutter 1972 trug, und es sieht noch aus wie neu – kein Fadenzieher, keine Pilling. Die Farben sind verblasst, aber das ist gewollt. Manche Sammler suchen gezielt nach Diolen-Blusen oder Trevira-Hosen, weil sie wissen, dass die Stoffe robust sind und sich gut verarbeiten lassen. Die Textilmitteilungen-Seite hat vor kurzem einen Beitrag über einen kleinen Online-Shop gebracht, der alte Kunstfaserrollen aus Lagerbeständen verkauft. Das zeigt, dass es eine Nische gibt. Vielleicht ist das der Anfang einer Renaissance. Ich bin gespannt, ob in zehn Jahren wieder Crimplene-Kleider auf den Laufstegen zu sehen sein werden.

Was man von diesen Fasern für die Zukunft lernen kann

Die Geschichte der 70er-Jahre-Kunstfasern ist eine Warnung und eine Chance zugleich. Sie zeigt, wie stark die Mode von Rohstoffpreisen abhängt. Als das Öl teuer wurde, verschwanden ganze Materialien. Heute steigen die Preise für Baumwolle und Wolle, und die Chemie entwickelt neue Recyclingfasern aus alten PET-Flaschen. Vielleicht wiederholen wir die gleiche Abhängigkeit, nur mit anderen Rohstoffen. Die alten Fasern wie Crimplene und Diolen sind nicht biologisch abbaubar, aber sie sind extrem langlebig. Wenn wir lernen, sie zu schätzen und zu reparieren, statt sie wegzuwerfen, könnten sie ein Vorbild für eine nachhaltigere Textilwirtschaft sein. Ich habe kürzlich einen Vortrag einer Textilhistorikerin gehört, die genau diesen Punkt machte: „Die Kunstfaser der 70er war nicht per se schlecht – sie wurde nur falsch benutzt, als Wegwerfprodukt.“ Vielleicht liegt in der Wiederentdeckung dieser Materialien ein echter Beitrag zur Kreislaufwirtschaft. Ich werde weiter nach alten Stoffen suchen und hoffe, dass mehr Menschen den Wert dieser vergessenen Fasern erkennen.